Fernweh, Travel & Wanderlust
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Fernweh und Virtuelle Postkarte: Mit dem Allradcamper durchs südliche Namibia

Manchmal denkt man, man hat schon alles gesehen – und dann kommt auf einmal eine whatsapp Nachricht, ein Facebook-Post oder eine Email von Freunden und der Mund bleibt spontan offen stehen. Als mir mein Kollege und Freund Laurens vor kurzem aus Namibia schrieb, war ich komplett hin und weg. Ich hatte schon so einige Eindrücke aus Namibia gewonnen, als Mia & Thies dort waren – aber das, wovon mir Laurens erzählte, war noch mal was ganz anderes: Mit dem Allrad-Camper war er unterwegs. Schlafen unter den Sternen un am Lagerfeuer?! Dass er dann auch noch Lust hatte, einen Gastblog zu schreiben, machte aus der virtuellen Postkarte direkt einen virtuellen Brief, den ich unbedingt mit euch teilen will. Viel Spaß!

263 - sunset scene

Namibia? War das nicht mal Deutsch? Wo liegt das nochmal? Und was gibts da überhaupt? Ist das nicht nur Wüste voller wilder Tiere und Eingeborener?

Kurz gesagt, der nördliche Nachbar von Südafrika war in der Tat von 1884 – 1915 ein deutsches “Schutzgebiet”, und obwohl die “Deutschen” heute in der klaren Minderheit sind, gibt es jede Menge Überbleibsel deutscher Kolonialgeschichte zu sehen… Und ja, viel Wüste. Sehr viel. Staubstraßen bei 40 Grad und kaum Luftfeuchte, endlose Weite, kleine Städtchen. Zweieinhalbmal die Fläche Deutschlands und doch weniger Einwohner als Berlin. Und ja, dafür umso mehr Tiere!

Allein die Hauptstadt Windhuk ähnelt in Größe und Einwohnerzahl (350.000) eher einem Bonn als einem Berlin. Wer hier viel Kultur oder Sehenswürdigkeiten sucht, kommt (fast) vergebens. Die Touristen – mehrheitlich Deutsche – kommen wegen der Natur. Wer die Wüste in all ihren Facetten, endlose Weite mit reicher Fauna, spektakuläre Sonnenauf- und -untergänge sowie unglaubliche Sternenhimmel sucht, dazu jeden Abend frischen Oryx-Antilopen vom Grill und ein kaltes Windhoek Lager genießen möchte, für den ist eine Tour mit dem Allradcamper durch den Süden Namibias genau richtig.

So ein Allradcamper wie der, mit dem wir unterwegs waren, ist ein solider Pritschenwagen mit Aufsatz und einem Dachzelt, welches man einfach auf – und wieder zuklappt – mit zwei Personen eine Sache von lediglich zwei Minuten. In seinem Inneren findet man alles, was das Camperherz begehrt: Tisch, Stühle, Werkzeug, Grillzubehör, Campingzubehör, auch ein Kühlschrank, der einfrieren kann! Sogar eine Tischdecke sowie Wäscheleine samt -klammern hat uns der Camperverleih dazugelegt. Man braucht eigentlich nur noch zum Supermarkt und Lebensmittel einpacken.

Und sich an das Fahren auf der linken Seite gewöhnen, was aufgrund des fast nicht vorhandenen Verkehrs auf den “Pads” (so nennt der Namibier seine Straße) nicht lange dauert. Nur Hauptstraßen sind asphaltiert, alle Nebenstraßen sind gute bis schlechte Staub- und Sandpisten, erlauben maximal 80 Km/h und lassen die Tagesetappe von 300 Kilometern schon mal zum 5-Stunden-Ritt werden.

Nun, was gibt es denn jetzt zu sehen in der Wüste und den Mini-Siedlungen? Hier ein paar Beispiele:

  • Köcherbäume. Skurrile stachelige Aloe-Bäume, die recht einsam und unter Naturschutz gestellt in der Landschaft herumstehen. Aus ihren Ästen haben die Buschmänner Köcher für Ihre Pfeile hergestellt.
  • Der Fish River Canyon. Nummer Zwei nach dem Grand Canyon; etwa halb so groß, aber nicht minder spektakulär. Leider fast ohne Wasser, und das in der Regenzeit…

294 - Fish River Canyon

  • Die Geisterstadt Kolmanskuppe. Hier haben die Deutschen um die Jahrhundertwende Diamanten gefunden und dreißig Jahre lang in Saus und Braus gelebt. Heute holen sich Wind und Sand ihr Gebiet zurück. Eine interessante Führung läßt uns Kolonialgeschichte schnuppern, danach kann man selbst durch die Ruinen klettern und fotografieren. Irre!
  • Urige Roadhouses in der Wüste. In Ermangelung von Städten kann man hier tanken, essen, einkaufen, übernachten oder einfach mal wieder Leute treffen. Ach ja, und Autowracks bestaunen.
  • Die vielleicht höchsten Sanddünen der Welt im Sossusvlei, einer abflusslosen Senke (Vlei), die alle Jubeljahre mal voll Wasser läuft, wenn die “Riviere abgehen” (südwesterdeutsch für: sehr viel Regen verwandelt trockene Flußbetten in reißende Ströme). Hier braucht man den Allradantrieb und etwas Mut und darf zur Belohnung die Dünen besteigen… morgens bei Sonnenaufgang einfach atemberaubend.
  • Die Tierwelt. Täglich und ohne langes Suchen. Nicht selten steht eine wilde Giraffenherde neben der Pad, und nach dem hundertsten Orxy-Antilopen läßt man die Kamera schließlich stecken. Skorpione, Schlangen, Gnus, Hyänen, Kudus, Erdmännchen, Dik Diks, Kanarienvögel und Klippschliefer runden das Bild ab.
  • Die deutsche Geschichte. Wir Touristen sind die “Deutschländer”, die “Deutschen” wohnen seit Generationen in Namibia, sprechen noch perfekt das Deutsch der Jahrhundertwende, tragen deren Namen (Waltraut, Hartmut) und interessieren sich nicht die Bohne für Deutschland. Obwohl in der absoluten Minderheit (circa 3% der Bevölkerung), knubbeln sie sich in den Städten, so dass man öfter mit der deutschen Sprache in Berührung kommt. Ein Blick auf die Landkarte oder ein Bummel durch Swakopmund lassen uns schmunzeln – Kirchweg, Maltahöhe, Hansa Hotel, Mariental. Und viele mehr.
  • Das Camping-Erlebnis. In der warmen Abendsonne wird der Camper abgestellt, das Feuer angemacht, das Zelt aufgeklappt. Erstmal ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank, natürlich nach dem Reinheitsgebot gebraut. Dann Tisch und Stühle aufgestellt und Essen vorbereitet. Jetzt den unglaublichen Sonnenuntergang fotografieren und dann das frische Wildfleisch auf der heißen Holzkohle grillen (“braai”). Dazu paßt ein südafrikanischer, gehaltvoller Rotwein. Die Kerzen und die Glut des Feuers reichen als Beleuchtung, denn die Sterne lassen den Himmel brennen. Zählen zwecklos. Kreuz des Südens und die Milchstrasse, wie wir sie nie sehen werden in Europa. Dann kriechen wir um zehn in die Schlafsäcke, denn um halb sieben wirds wieder hell… daran kann man sich gewöhnen – und vermisst auch keinen Samstagabend mehr.

Wer Namibia im Ganzen bereisen will, sollte mindestens drei Wochen einplanen und genügend Kleingeld einpacken, denn es ist kein billiges Reiseland. Als Reisezeit empfehlen sich Frühjahr und Herbst – nicht von der “Regenzeit” abschrecken lassen, es kann sein, dass es trotzdem kaum regnet (im Süden und an der Küste eh gar nicht). Kleinkriminalität findet man – wenn überhaupt – in den Städten oder deren Slums. Es herrscht maximal eine Stunde Zeitunterschied. Flüge gibt es direkt mit Condor oder Air Namibia, oder mit Umweg über Johannesburg.

In den Städten finden sich überall Supermärkte und Tankstellen sowie Geldautomaten. Südafrikanisches Geld wird auch akzeptiert. Übernachtungen sind von günstig (überall einfache, aber saubere Campingplätze mit viel Platz) über gehoben (unzählige Gasthäuser und Pensionen, Hostels, airBnB) bis teuer (Farmstays, Lodges) möglich.

Unsere Route (zwei Personen, zwei Wochen): Windhuk – Quivertree Forest und Giant`s Playground (Übernachtung Quivertree Forest Rest Camp) – Fish River Canyon (Canon Roadhouse) – Klein-Aus (Klein-Aus-Vista, Camping) – Lüderitz und Kolmanskoop – Naukluft-Gebirge (Ranch Koiimasis) – Sesriem und Sossusvlei (Sossus Oasis) – Tirasberge (Namibgrens Guestfarm) – Swakopmund (Desert Sky Backpackers) – Spitzkoppe (Spitzkoppe Camping) – Windhuk. Unseren Allradcamper haben wir hier gemietet.


Alle Bilder sowie den Text in diesem Post hat Laurens Müller mit uns geteilt. Vielen Dank dafür!

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