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Südtiroler Leit und ihr Glump: Trachtenschneiderin Elisabeth Mooswalder

St Lorenzen

Nun ist es ja so: Als Stadtkind aus Mittelhessen hat man mit Trachten ungefähr so viel zu tun wie als Südtiroler mit Sandstränden. Tatsächlich sind Dirndl & Co bei den meisten Deutschen außerhalb von Bayern eher negativ besetzt, weil sie automatisch mit Oktoberfest und damit auch mit übermäßigem Bierkonsum verbunden werden. Dass das ein Trugschluss ist war mir schon klar, als ich das erste Mal in Südtirol war und stilvolle Damen in traditioneller Festtagskleidung sah. Und dass die nur oberflächlich mit dem landläufigen Dirndl zu tun hat – das hat mir jetzt Elisabeth Mooswalder erklärt.

Die ist als eines von sechs Kindern in einer Landwirtsfamilie in Gsies aufgewachsen und hat zunächst in der Hotellerie gearbeitet. Bis ihr mit Mitte 20 klar wurde: Das kann es nicht gewesen sein. „Ich wusste – so ist nicht meine Zukunft, da will ich nicht alt werden. Also musste etwas passieren“, erzählt sie mir mit einem sicheren Blick. Als ich sage dass ich es mutig finde, sich mit 25 nach einer Ausbildung und mitten im Beruf noch einmal völlig neu zu orientieren, runzelt sie die Stirn. „Das war einfach der einzige Weg, ich wusste, dass es anders nicht geht.“ Also: Alles neu.

Schon als kleines Mädchen hatte Elisabeth immer gerne Puppenkleider genäht und sich über schöne Stoffe gefreut. Würde sich diese Leidenschaft reaktivieren, gar zu einem Beruf machen lassen? Um das herauszufinden schrieb sie sich an der Fachschule für Schneider ein, auch wenn das nicht wenig Überwindung war: „Die Jüngsten waren 14 Jahre alt, ich war mit Abstand eine der Ältesten. Das war schon nicht immer einfach“, erinnert sie sich. Bereut hat sie es nie.

Neustart in die Schneiderei

Nach der dreijährigen Ausbildung fragte sie sich wieder, wo es hingehen sollte. „Arbeitsstellen gibt es für neu ausgebildete Schneider so gut wie keine – man kann noch viel zu wenig, aber wo soll man es auch lernen?! Um sich dann schon selbständig zu machen reicht die Erfahrung nicht, also steht man da wieder.“ Statt zu stehen und zu warten entschied Elisabeth, eine Privatschule in Verona zu besuchen um sich zu spezialisieren. Dort besuchte sie einen Lehrgang für Schnitttechnik und Schneiderei – und fand danach eine Stelle in Bruneck. „Zum Teil zwar eher als Änderungsschneiderin, also nicht das, was mich wirklich fasziniert hat. Aber es war wichtig, um am Ball zu bleiben.“  Wieder so ein typischer Zug, den ich in Südtirol häufig beobachtet habe: Dranbleiben, Dinge durchziehen, nicht aufgeben, auch wenn es manchmal schwer fällt. In den meisten Fällen lohnt es sich. Ebenso wie die Zahlreichen Weiterbildungen und Kurse, die Elisabeth neben ihrer Arbeit in Bruneck immer wieder besuchte. „Ich habe jeden Kurs besucht den es irgendwie gab – dahinein habe ich quasi all meinen Verdienst investiert.“

Als sich ihr wenig später die Gelegenheit bot, ein Praktikum bei Kostümschneider Stefano Nicolao in Venedig zu machen, nutzte sie sie ohne jedes Zögern. Bei dem Schneider, der schon Hollywoods Kaufmann von Venedig oder die Oper Cosi fan tutte ausgestattet hat, lernte sie viel über historische, originalgetreue Schneiderkunst. „Wir haben dort zu zweit drei Wochen lang an einem Unterrock gearbeitet, das war schon eine prägende Erfahrung für mich“, erzählt sie – und das steht im krassen Kontrast zu den in China produzierten Dirndln, die Menschen wie ich für „so traditionell“ halten. „Gegen die zu bestehen ist wirtschaftlich quasi unmöglich“, erklärt mir Elisabeth. „Dirndl sind Konfektions- und Modeware – da kauft man jedes Jahr ein Neues, da sind die Leute kaum bereit, in echte Qualität zu investieren. Das geht sich nicht aus, das wusste ich schnell.“ Aber Trachten! Trachten sind das Kleidungsstück, das der Südtirolerin am Herzen liegt. „Trachten wachsen mit, können vererbt werden und haben einen bleibenden Wert. Die gehen nie aus der Mode, sind beständig und werden oft genug sogar weitervererbt. Die Tracht, das ist für immer das Festtagskleid.“

Beharrlichkeit und starker Wille – dann kann es gehen

Um die Begeisterung für Trachten auch schneiderisch umsetzen zu können, musste sie aber noch einiges lernen. Nach einem Sommer bei den Bregenzer Festspielen machte sie sich also auf die Suche nach einem Lehrmeister – und fand ihn bei der Trachtenschneiderei Gösch im Passeiertal, wo sie in den folgenden zwei Jahren dessen Handwerk erlernte. „Na, und danach habe ich mich selbständig gemacht.“ Heute schneidert sie hauptsächlich Trachten. Sie zeigt mir die Details der Tracht des Pustertals, die farbigen Herrentrachten und ihren Arbeitsplatz.

Aber was sind nun echte Trachten? Traditionelle Trachten, das sind die, die heute noch auf Festen, in Musikkapellen und Schützenvereinen getragen werden und die für mein Auge fast schon altertümlich aussehen. Aber tatsächlich sind sie das auch: Seit Jahrzehnten, gar Jahrhunderten ist die lokale Tracht – jeder Ort hat seine eigene Farbpalette und Linienführung, und die Tracht des Geburtsortes zieht mit der Trägerin mit – mehr oder weniger unverändert. Lediglich die Passform wurde angepasst: Saß der Rock früher noch direkt unter der weiblichen Brust, um dem stetigen Schwangerschaftsbauch Platz zu geben, wird sie heute auf Taille geschnitten. Vorteilhaft.

Tracht ist nicht gleich Tracht – und schon gar nicht gleich Dirndl

Elisabeth selbst steht wenig später im Bäurischen Gewand vor mir. Der edle, schwarze Stoff lässt die Trachtenschneiderin plötzlich viel zerbrechlicher, viel zarter aussehen. In ihren Augen sieht man, wie viel ihr dieses Stück Südtirol, dieses Stück Tradition bedeutet. „Ja, ich trage gerne Tracht. Vielleicht ist das Lokalpatriotismus, vielleicht ein Gefühl von Zusammenhalt – und das ist schließlich typisch für uns.“

Typisch Südtirol?

Diese besondere Beharrlichkeit.

Das perfekte Mitbringsel?

Ein Trachtenhut. Und dazu die Erkenntnis, dass Dirndl und Tracht nicht dasselbe sind.

Elisabeth Mooswalder in einem Bild?

Trachtenschneiderin Elisabeth Mooswalder Title

Unter dem Titel „Leit und Glump“ bin ich im Juli ein langes Wochenende durch Südtirol gereist und habe unterschiedlichste Südtiroler auf einen Schwank aus ihrem Leben getroffen. Alle Infos zu dem Projekt findet ihr hier, alle Social Media Posts unter dem Hashtag #LeitUndGlump. Vielen Dank für die Einladung an die Südtirol Marketing Gesellschaft – und natürlich an Elisabeth Mooswalder für ihre Zeit!


For my beloved English readers:

St Lorenzen

Garb tailor Elisabeth Mooswalder

Typically South Tyrol?

This special kind of persistence.

The perfect souvenir?

A costume hat. And the insight that Dirndl and garb are not the same thing.

Elisabeth Mooswalder in one picture?

Trachtenschneiderin Elisabeth Mooswalder Title

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