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Südtiroler Leit und ihr Glump: Knödelkönigin Martha Thaler vom Zmailer Hof, Schenna

Schenna

Gute zehn Minuten brauche ich, um meinen Wagen den engen, steilen Waldweg zum Zmailer Hof hinauf zu lenken. Das erste Mal seit meiner Ankunft in Südtirol beneide ich nicht die Wanderer, die ihre Wege ganz gemächlich machen und jederzeit stehen bleiben und die Aussicht genießen können; das erste Mal bin ich froh, dass ich nur wenig Zeit und damit ein gutes Argument habe, nicht bis zu Martha Thalers Gastwirtschaft oberhalb von Schenna zu laufen. Oben angekommen widerrufe ich diesen Gedanken sofort: Nach einer anstrengenden Wanderung mit diesem Blick belohnt zu werden, sich an einem der acht Tische auf der Terrasse mit sagenhafter Aussicht übers Meraner Land niederzulassen und sich von Marthas Tochter eine Holunderschorle servieren zu lassen – das hätte schon was.

Als ich in die Küche komme gibt Martha gerade die Milch zu den Würfeln aus alten Brötchen, brät kurz darauf Zwiebeln und Speck an und vermengt alles, zusammen mit rohen Eiern und gehacktem Schnittlauch, zu ihrem legendären Knödelteig. Es gibt Speckknödel, der Teig reicht für knapp 30 Stück. Ob davon all die Wanderer satt werden, die im Laufe der Mittagszeit bei Martha einkehren werden? Schließlich ist sie landläufig bekannt für ihre besonders leckeren Knödel, und nicht wenige Hoteliers aus Schenna und Umgebung schicken ihre Wandergäste zum Mittag nach oben auf den Zmailer Hof. Sie schaut mich kurz irritiert an: “Na, es gibt ja auch noch Brennnessel- und Käseknödel, das sollte für heute reichen!”

Seit der Heirat vor 27 Jahren bewirtet Martha auf der Terrasse und in der Gaststube des Elternhaus ihres Mannes Tagesgäste. “Es gibt bei uns aber seit jeher nur einfache Gerichte, schlichte Hausmannskost. Unsere eigentliche Arbeit ist die Landwirtschaft”, erklärt sie mir, und ich habe keinen Grund zur Klage: Mit Zutaten, die auf den sonnigen Almwiesen vom Zmailer Hof gewachsen sind, würde selbst das schlichteste Essen hervorragend schmecken. „Das ist ganz wichtig in der Südtiroler Küche“, sagt Martha während sie beginnt, den Knödelteig zu kleinen runden Bällen zu kneten. „Mir kommt es auf die Qualität der Zutaten an, da braucht es kein aufwendiges Rezept.“ Vor allem, wenn jemand so genau weiß wie es geht: Das Formen der 28 Speckknödel hat Martha gerade mal zwölf Minuten gekostet. Nun warten die Knödel neben einem Topf heißen Wasser darauf, dass einer der gerade eingetroffenen Wanderer sich für sie entscheidet.

Der Zmailer Hof ist nur mittags geöffnet. Wäre es abends auf der Terrasse oder in der gemütlichen Gaststube nicht besonders schön? Martha zuckt mit den Schultern: “Wir müssen ja auch irgendwann noch die Arbeit am Hof erledigen, die Tiere versorgen und irgendwann, da brauchen auch wir mal Feierabend.” Richtig so. Die 20 Rinder der Familie sind den Sommer über auf der Alm, aber auch der liebevoll angelegte Hanggarten am Haus will gepflegt werden. Kohl, Lauch, Petersilie, Schnittlauch, Minze, Blumen, Holunder und diverses Gemüse wachsen hier, ein paar Schritte durch den Garten füllen die Nase mit den leckersten aller Düfte, und am liebsten würde man für immer hier oben bleiben. Mit der Sonne auf der Nase und dem sagenhaften Blick über das gesamte Meraner Land.

Martha zeigt mir rechts Schenna, Dorf Tirol und die Muthöfe, geradeaus den Eingang ins Vinschgau, die Meraner Pferderennbahn im Tal. Links sehen wir Lana, den Eingang ins Ultental, davor erahne ich die Schnellstraße, auf der ich am Morgen von Bozen gekommen bin. Ich kann mich kaum satt sehen, und eine Weile lässt Martha neben mir lächelnd und gut gelaunt den Blick übers Tal schweifen. Dann sucht sie sich den grünsten Kohlkopf aus, pflückt spontan einen schöneren Blumenstrauß als man ihn jemals beim Floristen kriegen könnte, und wir gehen zurück zum Haus: Die Terrasse füllt sich, und neben den Knödeln stehen auch Gulasch, Schöpsernes und ein, zwei Suppen auf der Karte und wollen vorbereitet werden. Marthas Mann, der zuvor im Türrahmen lehnend einen stolzen Blick auf seine Frau geworfen hatte, steht jetzt am Herd. Jeder packt mit an, und auch das ist typisch Südtirol.

Ich selbst setze mich wenig später an einen von der Sonne aufgewärmten Holztisch auf der Terrasse und bestelle einen der Speckknödel, bei deren Zubereitung ich eine Stunde vorher zuschauen durfte. Serviert wird er auf einem Salatbett aus dem Kohl, den Martha gerade vor meinen Augen aus dem Beet geholt hat. Alles ist frisch, von hier, und auf die ehrlichste und unkomplizierteste Art umgesetzt – aber mit Charme. Ich zerteile meinen Knödel, wie es der Südtirol-Knigge will, mit der Gabel und lehne mich zufrieden kauend zurück. Nächstes Mal komme ich zu Fuß.

Typisch Südtirol?

Der beherzte Realismus.

Perfektes Mitbringsel?

Ein frisch gepflückter Blumenstrauß aus dem Garten am Haus.

Martha Thaler in einem Bild?

Martha Thaler Zmailer Hof Schenna

Unter dem Titel „Leit und Glump“ bin ich im Juli ein langes Wochenende durch Südtirol gereist und habe unterschiedlichste Südtiroler auf einen Schwank aus ihrem Leben getroffen. Alle Infos zu dem Projekt findet ihr hier, alle Social Media Posts unter dem Hashtag #LeitUndGlump. Vielen Dank für die Einladung an die Südtirol Marketing Gesellschaft – und natürlich an Martha Thaler für ihre Zeit!

…und übrigens: Wie man Speckknödel richtig zubereitet seht ihr hier!


English version:

Schenna

It takes me a good ten minutes to navigate my car up the narrow, steep forest track leading up to the Zmailer Hof. For the first time since I arrived in South Tyrol a few days ago, I do not envy the hikers who make their way around at a leisurely pace and enjoy the views while I drive from one appointment to another; for the first time I am super happy that I simply don’t have the time to hike up to Martha Thaler’s inn high up above Schenna. Having arrived up there I take this thought back immediately: Getting rewarded with this view after an exhausting uphill hike, sitting down at one of the eight tables on this terrace with the amazing view over the Merano region and being treated to a cold Elder Spritz by Martha’s daughter – well, I wouldn’t mind that feeling.

As I set food into the kitchen, Martha is just about to add the milk to the diced old bread. She quickly sears onions and bacon and mingles it all, together with raw eggs and chopped chive, until it becomes her famous dumpling dough. She is preparing bacon dumplings and the dough will make about 30 of them. Will this be enough for all the hikers who will drop in during the day? Martha is well-known for her especially delicious dumplings, and almost every visitor of the region will stop for lunch here at least once during his stay. Martha looks at me bemused for a second: “Well, there will also be nettle dumplings and cheese dumplings, so I think it should be fine!”

Since the beginning of her marriage 27 years ago, Martha entertains hikers to a delicious meal in her husband’s childhood home. “But ever since, we focussed on simple dishes, plain fare if you want. Our main income still is the agriculture”, she explains, and I don’t have anything to complain about: The ingredients grown right at the Zmailer Hof, on its sunlit lawns and in the beloved garden, would transform even the most plain dish into a masterpiece. “This is central to the South Tyrolean cuisine”, Martha says as she begins to shape small little balls out of the dough. “I care a lot about the quality of my ingredients, and due to this I don’t need any secret special recipes.” True, but I wouldn’t say that what Martha does with her quick hands is not special – I’d rather call it magic. Forming 28 bacon dumplings barely took her twelve minutes. Now, the dumplings wait for their big moment next to the pot with the boiling water until one of the guests who just arrived decides to have one of them for lunch.

The Zmailer Hof is only open around noon. Wouldn’t it be nice to sit outside on the terrace or in the cozy lounge for dinner at night? Martha shrugs: “Sure, but don’t forget that we need to take care of our cattle and work the farm, too. And even we need our rest at some point!” Fair enough. The 20 cows are up on the alp all summer, but even the pretty garden by the house needs to be taken care of. Kale, leek, parsley, chive, mint, flowers, elder and all kinds of vegetables grow here, a few steps through the garden fill your nose with the most delicious scents, and it is tempting to stay up here forever. With the sun on your nose and this amazing view of the whole Merano area.

Martha points out Schenna, Tirolo and the Muthöfe to our right, the entrance into Vinschgau straight ahead, the racetrack of Merano down in the valley. To our left we can see Lana, the entrance into Ultental and just in front of it, I can spot the freeway that brought me in from Bozen early this morning. I can’t get enough of the view, and even Martha lets her eyes wander for a while with a smile on her lips. Then she cuts the greenest head of lettuce from her garden, plucks the most beautiful bunch of flowers and we walk back to the house: The terrace is getting full, and besides the dumplings there are a few other meals to be prepared. Martha’s husband, who had been watching his wife with a proud look in his eyes as we talked earlier, is working at the stove as we get back into the kitchen. Everyone makes his contribution here, and that’s another thing that’s typical for South Tyrol.

I take a seat in one of the wooden tables on the sunlit terrace and order one of the bacon dumplings I have watched being made just an hour ago. It is served with a side of the salad that Martha hand plucked from her garden in front of my eyes. Everything is fresh, grown and made right here and in the most honest and simple way – but with a lot of charm. I devour my dumpling and sit back perfectly satisfied. Next time, I’ll come up by foot.

Typically South Tyrol?

The stout-hearted realism.

The perfect souvenir?

A freshly plucked bunch of flowers straight from Martha’s garden.

Martha Thaler in one picture?

Martha Thaler Zmailer Hof Schenna

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