Travel & Wanderlust
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Schlaflos in China: Two Days of Failing to Explore Shanghai

Ich hatte nicht unbedingt vor, in absehbarer Zeit nach Shanghai zu fliegen. Eigentlich steht mir der Sinn bei gemeinsamen Flügen mit Freunden eher nach San Francisco, New York, Tel Aviv. China hingegen ist einfach nicht meine Welt. Mit Hongkong komme ich klar, aber das ist eben auch nicht China. Shanghai wiederum? Schon. Und trotzdem ließ ich mich überzeugen. Seite an Seite mit der Besten kann es ja nicht so schlimm werden, dachte ich. Man muss auch immer mal wieder was Neues wagen, den Dingen eine zweite Chance geben, dachte ich. Und tatsächlich habe ich mir ja nicht ohne Grund auf die Fahnen geschrieben, alles auszuprobieren, ich will jedes Land kennenlernen und bin mir sicher, an jedem Ort dieser Welt kann man seine persönlichen Hellen Flecken entdecken. Wenn man Zeit dafür hat.

In einem knapp 48-stündigen Layover mit massiver Zeitverschiebung (in die für mich falsche Richtung) allerdings, wenn gleichzeitig das gegenseitige Updaten über die aktuelle Lebenssituation, die nötige Erholung zwischen zwei Nachtflügen und das generelle Freundinnen-Sein Vorrang hat und haben muss – da ist das mit der Zeit so eine Sache. Normalerweise bekomme ich in diese wenigen Stunden trotzdem wahnsinnig viel gepackt. Aber normalerweise habe ich auch nicht diese Schlafprobleme.

Shanghai: GMT+8, 11 Grad, gefühlte Sonnenstunden: 1 1/2

Sieben Stunden Zeitverschiebung sind an sich natürlich gar nicht so das Problem. Bei Flügen nach Kalifornien stecke ich das mit der nötigen Ration Kaffee problemlos weg. In die andere Richtung stresst mich dieser Unterschied aber massiv. Während in Deutschland die Tageszeitungen am Kiosk ausgelegt werden ist in Shanghai schon die Mittagspause vorbei, wenn ich müde werde ist es hier schon früher Morgen. Dazwischen: Gescheiterte VPN-Verbindungen, eine wenig zufriedenstellende Frühstückssituation und viele Mädchengespräche. Und so kommt es also, dass wir unser Hotelzimmer im Westen der Stadt erst am späten Nachmittag verlassen und uns unseren Weg durch den Ubahn-Dschungel Shanghais bahnen.

Erster Halt: Der Yù Yuán Garten

Er steht ganz oben auf meiner Liste an Shanghai-Empfehlungen und auch meine Begleitung ist überzeugt: Hier kann es mir gar nicht nicht gefallen! Ich habe mir vorher online Bilder angesehen und freue mich auf den über 400 Jahre alten Garten, die chinesische Gartenkunst inmitten der modernen Metropole. Der zwei Hektar große Garten wurde während der Ming-Dynastie 1559 zu Ehren der Eltern des kaiserlichen Beamten Yunduan eingerichtet, die 28 Gebäude nach diversen Zerstörungen über die Jahrhunderte in den 50ern von Grund auf renoviert und seitdem für Besucher zugänglich. Außer: Für uns.

Nachdem wir nämlich lange genug an der weißen Mauer, die den Garten umgibt, entlang gelaufen sind kommen wir zum Eingang – und müssen feststellen, dass wir zu spät dran sind. Mit Sonnenuntergang schließt der Park, und was ich mir als romantischen Abendspaziergang durch das Gartenlabyrinth vorgestellt hatte, findet schlicht und ergreifend nicht statt. Die Halle des klaren Schnees, der Pavillon der fröhlichen Fische, sie alle müssen auf unseren Besuch verzichten.

Yù Yuán-Garten
28 Yu Yuan Lu
Öffnungszeiten: 9:00 bis 17:00 Uhr
Eintritt: CNY 30

Zweiter Versuch: Nan Shi, die Altstadt Shanghais

Als Europäer erscheint es logisch: Willst du eine Stadt kennenlernen, schau dir zuerst ihre Altstadt an. Ich schüttele also den Frust über den verpassten Gartenspaß ab und freue mich auf Pagoden und Pavillons, Wandelgänge und altehrwürdige Gebäude. Guter Ansatz, allerdings ist es in Shanghai nicht anders als in Mainz oder Heidelberg – und die Altstadt mittlerweile zu einem erheblichen Touristenmagnet geworden! Und so sieht es hier mittlerweile auch aus. Statt traditioneller Geschäfte und Teelädchen finden wir hier alles was blinkt und glitzert, von Selfie-Sticks bis Wackeldackeln ist alles dabei, was das Touristen-Herz vermeintlich höher schlagen lässt. Eine halbe Stunde lang ist das äußerst unterhaltsam. Dann müssen wir dringend weiter.

Das Huxing Ting-Teehaus – das älteste Teehaus Shanghais

Nachdem unsere Körper von der winterlichen Luft Shanghais ausgekühlt und unsere Nerven nach all dem Touristentrubel am Limit sind, steht uns der Sinn nach Tee. Und wo könnten wir den besser genießen als in einer von Shanghais größten Berühmtheiten? Das Huxing Ting-Teehaus ist das älteste Teehaus der Stadt und ist mitten in einem malerischen Teich gelegen. Die Brücken, die zu dem Teehaus führen, sind im Zickzack mit 9 Bögen gebaut – um böse Geister abzuhalten, denn nach chinesischer Überzeugung können Geister nur geradeaus gehen. Beruhigend, dass wir es trotzdem nach drinnen geschafft haben. Auch wenn es mehr als knapp war, denn auch hier scheint direkt nachdem wir unseren tatsächlich köstlichen Tee ausgetrunken haben Zapfenstreich zu sein.

Und dann bewahrheitet sich mal wieder, was ich seit Jahren predige: Sich verlaufen ist manchmal das Beste, was einem passieren kann.

Get lost for good: In den Seitengassen der Altstadt

Beim Versuch, die richtige Himmelsrichtung zu finden um unseren nächsten Programmpunkt anzusteuern, scheitern wir grandios – und landen dort, wo einen kein Reiseführer hinschickt, wir es aber umso spannender finden. Die Seitengassen der Altstadt, nur ein paar Ecken von den grell beleuchteten Souvenirshops entfernt, sind zwar nicht das, was ich mir vorgestellt hatte – aber echt. Mag sein, dass sie hier keine Hunde essen, aber alles andere was mir spontan so einfällt finden wir auf Spießen und Tellern wieder.

Ich kneife und greife lieber zur Kamera statt zur Gabel. Und schneller als es uns lieb ist stoßen wir auf eine der vielen Hauptstraßen und machen uns auf den Weg zum Bund.

The Bund – Zhongshan Lu, am Ufer des Huangpu

…und damit sind wir endlich da, wo man um diese Tageszeit offensichtlich sein sollte: Am Bund. Das westliche Flussufer des Huangpu Flusses bietet einen grandiosen Blick auf das hochmoderne Pudong-Viertel mit seinen Hochhäusern und dem legendären Oriental Pearl Tower. Mir bleibt kurz der Mund offen stehen.

Diesmal bleiben wir im Westen der Stadt – fürs nächste Mal ist ein Ausflug nach Pudong garantiert. Allein der Skywalk des SWFC auf 474 Metern Höhe wird es wert sein. Ich notiere:

Nach Pudong geht es nicht nur mit dem Taxi, sondern auch mit der Fähre (für CNY 0,50), mit der Metro (am besten bis Haltestelle Lu Jia Zui, CNY 4) oder per Kabinenbahn unterhalb des Flusses (CNY 40). Die Fähre scheint mir die spannendste Option!

shanghai_41

Wir haben für heute genug gesehen – und wollen nur noch essen! Problematisch, dass wir mittlerweile weit nach 23 Uhr haben und die meisten Restaurants geschlossen sind. Aber mein Sidekick wäre nicht mein Girl, wenn sie nicht genau wüsste, wo wir hingehen:

Barbarossa Restaurant & Lounge in Shanghai

Und jetzt kommt der Punkt, an dem ihr mich steinigen könnt. Ständig predige ich, wie wichtig es für das Verstehen eines Landes ist, auch seine kulinarischen Vorlieben kennenzulernen. Und ich bin davon auch wirklich überzeugt. Aber chinesisches Essen und ich, wir werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Natürlich kann ich mich immer wieder zu Frühlingsrollen oder gebratenen Nudeln hinreisen lassen und habe in meinem Leben schon mehr als einmal Dim Sum probiert. Aber wenn ich wirklich genießen will, dann breche ich in China meine eigenen Regeln und renne zum Italiener, zum Burgerladen, was auch immer da ist.

Das Barbarossa ist ein mediterran-inspiriertes, optisches Highlight im People’s Park. Wir finden hier auch spät abends noch einen Tisch und sind dabei in bester Gesellschaft zwischen Expats und schlaflosen Touristen – und lassen es uns gut gehen. Mit dem Blick auf den Teich vor dem Restaurant und immer schwerer werdenden Augen. Ist ja auch schon 1 Uhr nachts. Haben wir uns so langsam etwa doch der Ortszeit angepasst?

Barbarossa Restaurant & Lounge
231 Nanjing Rd West (Inside People’s Park)
Shanghai
11 – 2 Uhr

Where to stay – just an idea: Das New World Shanghai Hotel

Gerade in Ländern wie China bin ich sehr dankbar, dass mir die Hotelwahl abgenommen wird. Sicher würde ich kleine Boutique-Hotels großen Ketten immer vorziehen, aber wenn man so gar nicht weiß wo und was ist man froh, am Ende eines langen Fluges in einem Hotel wie dem New World Shanghai Hotel zu landen! Am südlichen Ende des industriellen Zhongshan Parks gelegen bietet das 2003 eröffnete auf 38 Stockwerken (not kidding!) 605 Zimmer und Suiten, 24 Stunden Roomservice (unter Umständen ein echter Segen!) – und einen Rooftop Pool, den ich völlig verpasst habe!

New World Shanghai Hotel
1555 Ding Xi Road
Chang Ning District, Shanghai

Shanghai, das war ein etwas holpriger Start. Off to better days in the future! …aber die dürfen gerne noch etwas auf sich warten lassen.

5 Kommentare

  1. Judith sagt

    Ich kann Dir nur zustimmen. Ich bin im letzten Jahr 2 mal in Shanghai gewesen und dachte mir beim 2.mal, ich gebe dem ganzen nochmal ne Chance und irgendwas muss die Stadt ja zu bieten haben und wurde leider wieder enttäuscht, das ist nicht meine Welt und ich gehe mittlerweile auch lieber irgendwo zum Italiener 😀

    • Lisa sagt

      Haha oh ja… gut, dass es nicht nur mir so geht. Ich komme mir immer schon vor wie ein Kultur-Muffel – aber vielleicht muss man auch einfach nicht alles mögen. Ich werde es auf jeden Fall wieder und wieder versuchen. Aber vielleicht nicht grade in den nächsten paar Monaten… 😉

  2. ach lisa, das mit shanghai, den umständen und allem anderen: hätte glatt meine story sein können.
    manche städte sind seltsam. und sie bleiben seltsam.

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