Fernweh
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FERNWEH: ROADTRIP DURCH SCHWEDEN IM VINTAGE VOLVO

Das Wort „Fernweh“ mag aus meinem Mund absurd klingen. Mindestens zweimal pro Monat fliege ich durch die Welt, lange Zeit war ich mehr unterwegs als zu Hause, schlief selten mehr als 3 Nächte am Stück in meinem eigenen Bett – und auch jetzt gerade bin ich mal wieder unterwegs. Trotzdem verspüre auch ich ihn regelmäßig, diesen Drang abzuhauen und Neues zu erkunden. Etwas, das ich zum Beispiel noch nie getan habe, aber wahnsinnig gerne machen würde: Skandinavien mit dem Auto erkunden! Roadtrips sind eine große Leidenschaft von mir und Skandinavien im Sommer stelle ich mir herrlich vor.

Als ich von der Idee hinter Schweden Revisited hörte, dem Projekt, das der Darmstädter Fotograf Christoph Rau Anfang des Jahres startete, war ich daher absolut begeistert: Gemeinsam mit seinem Sohn Eisel wollte er in einem alten Volvo für einen knappen Monat nach Schweden fahren, eine Reise auf altbekannten Wegen nicht wiederholen, sondern neu erleben. Dafür startete er ein Crowdfunding-Projekt, bekam vom lokalen Volvohändler Hedtke einen alten Volvo 245 zur Verfügung gestellt – und fuhr los. Ich habe ihm ein paar Fragen gestellt.

  • Wie kam es zu der Idee für das Projekt #SchwedenRevisited?

Schon vor zwanzig Jahren, 1996, war ich mit der Mutter meines Sohnes in Schweden unterwegs – damals war das wie so eine Blaupause. Als ich dann vor zwei Jahren von der befreundeten Architekturfotografin Renate Gruber ihre alte Hasselblad geerbt habe, kam die Idee mit dieser Kamera wieder nach Schweden zu fahren. Am liebsten mit einem alten Volvo, und nun eben auch analog mit der Kamera. Alleine hätte ich das nicht finanzieren können, also sammelte ich per Crowdfunding Spenden und plante, als Dankeschön für meine Unterstützer am Ende ein Fotobuch zu produzieren. Als ich meinen Sohn Eisel fragte war der sofort dabei, wenn er auch erst nur eine Woche mitkommen wollte. Im Sommer hat er dann noch seinen Führerschein gemacht, dann war klar, dass er sich  in Schweden Fahrpraxis aneignen kann… und schließlich war er doch die ganze Zeit dabei.

Christoph Rau vor 20 Jahren in Schweden – damals mit der Mutter seines Sohnes, und zu Besuch bei einem Ehepaar, das sie auch jetzt wieder besuchten.

  • Stand die Route von Anfang an fest?

Klar war, dass ich auf jeden Fall wieder an den Zielort von damals, nach Horndal, fahren wollte. Der Rest ergab sich eigentlich während der Planung von selbst! Nachdem sehr schnell Ikea als Sponsor dabei war stand fest, dass ich auch beim Ikeamuseum in Älmhult vorbeischauen würde, und dann kam das Autohaus Hedtke dazu, das mir einen Wagen zur Verfügung stellte – also wollte ich auch zu Volvo nach Göteborg, wo außerdem auch Hasselblad sitzt. Spätestens seit ich Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“ gelesen hatte wusste ich noch dazu, dass ich das auf jeden Fall einmal gesehen haben wollte – und auf der Fahrt sagte mein Sohn, der geschichtlich sehr interessiert ist, schließlich irgendwann: „Aber nach Stockholm will ich schon mal! Ich war jetzt in drei europäischen Königspalästen, England, Frankreich und Spanien, dann will ich auch mal in Stockholm gewesen sein!“ Außerdem besuchten wir einige Bekannte, die ich noch von damals kannte oder die mittlerweile nach Schweden ausgewandert sind, und so ergab sich die Route wie von selbst.

  • Was war die größte Überraschung auf der Reise, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne?

Also die größte Überraschung war wirklich bei einem Blick ins Bordbuch herauszufinden, dass der Erstbesitzer des Volvos im Claudiusweg in Darmstadt gewohnt hatte – die ehemalige Besitzerin der Kamera wohnte genau ein Haus weiter. Das hat mich sehr verblüfft.

Negative Überraschungen habe ich wahrscheinlich verdrängt – oder es gab einfach nichts Schlimmes! Dass bei einem alten Auto mal was passieren kann war klar; als dann eine Sicherung durchbrannte schockierte uns das nicht, sondern wurde schnell repariert. Darauf muss man sich natürlich einstellen.

  • Und die größte Herausforderung? Seid ihr wirklich komplett ohne Navi gefahren?

Ja, aber das ist ja keine große Herausforderung. Mein Sohn musste bei einer Reise durch England schon früh lernen, Karten zu lesen, als uns in einem Vorort von London nachts das Navi geklaut wurde und er mich am nächsten Tag aus London rauslotsen musste – das war also gar kein Problem. Und im Zweifelsfall fragt man eben nach dem Weg.

  • Zu einem ordentlichen Roadtrip gehört auch eine ordentliche Playlist – was lief während eurer Reise?

Absolut! Das Schönste war, dass für meinen Sohn auch alte Musik interessant ist und für mich auch Neue. So hörten wir viel Seeed oder Peter Fox – freuten uns aber auch, als wir im Regen in Kiel losfuhren und The Passenger lief. Unsere Highlights:

Iggy Pop – The Passenger
Absolute Beginner – City Blues (Die Originalversion von der Platte)
Womack & Womack – Life’s Just a Ballgame
Wiz Khalifa – Black And Yellow
Mina Områden – Kartellen feat Dani M
Wardruna Fehu
Seeed – Wonderful Life

  • Was war die bemerkenswerteste Eigenheit der Schweden, die ihr auf der Reise festgestellt habt?

Mir hatte schon vorab ein Bekannter erzählt, dass die Schweden – obwohl sehr freundlich, locker und entspannt – irgendwie nicht so offen sind, etwa Fremden oder Nachbarn gegenüber. Dass man zum Beispiel selten jemanden zu sich nach Hause einlädt, sondern sich eher außerhalb auf irgendwelchen Festen trifft. Und tatsächlich: Als wir bei deutschen Auswanderern zu Besuch waren unterhielten wir uns lange Zeit auf der Straße am Auto, auch noch als bei uns längst der Punkt gekommen wäre wo man mal vorschlägt, sich reinzusetzen. Irgendwann hieß es dann „Ach komm, setzen wir uns doch mal auf die Veranda!“ – und dann haben wir uns vors Haus gesetzt. Das hat mich überhaupt nicht gestört, aber es war auf jeden Fall bemerkenswert!

  •  Entgegen deiner ursprünglichen Pläne habt ihr nicht jede Nacht im Volvo geschlafen. Wo hat es euch am besten gefallen?

Teuer aber toll war es hier: Möckelsnäs Herrgård, Diö
Edwin Benders, Möckelsnäs 1, 34371 Diö/Älmhult
Doppelzimmer/Nacht: EUR 147,56

Süß und günstiger, ein bisschen hippie-mäßig: Flowers of Eden, Katrineholm
Mary Svärd Ndoye, Stora Djulö vandrarhem, 64192 Katrineholm
Doppelzimmer/Nacht: EUR 64,65

Eisels Lieblingsunterkunft: Låsta Gårdshotell, Malmby
Familie Wetterberg, Malmby, Låsta Säteri, 645 94 Strängnäs
Doppelzimmer/Nacht: EUR 112,53

Tipps für einen analogen Roadtrip durch Schweden

  • Wer die Karte hat, hat das Sagen! Wenn der Beifahrer gerade Probleme hat den richtigen Weg zu finden, muss der Fahrer eben langsamer fahren oder anhalten.
  • Sich die Lust am Cruisen gönnen! Autofahren genießen kann man, oder kann man nicht. Wenn man schon zu Hause nicht gern fährt, wird sich das im Ausland nicht unbedingt ändern. Hauptsache, man hat Zeit!
  • Die offensichtlichsten Ersatzteile dabei haben – wie bei uns zum Beispiel die Sicherungen.
  • Für Notfälle die wichtigen Dokumente (Ausweis, Führerschein, Versicherungskarte, ADAC-Plus) als Scan (Vorder- und Rückseite) an Vertraute zu Hause geben. Verliert man was, kann das jederzeit gemailt werden.
  • Maut- und Fährenkosten einkalkulieren! Auf unserer Reise waren das etwa 250 Euro.
  • Hände gewaschen und Zähne geputzt ist halb geduscht – deshalb immer eine Flasche Wasser zum Waschen auf Reserve haben.
  • Keine weißen Handtücher mitnehmen – die verwechselt man in Hotels! Wer zwischendrin mal nicht im Auto schlafen will geht damit das Risiko ein, sein Handtuch zu vergessen…
  • Offen für Planänderungen bleiben! Man trifft so viele Leute und bekommt auch unterwegs noch so viele Ideen, wo man überall hinfahren könnte.
  • Das wichtigste Utensil neben dem Gaskocher: Ein Moskitonetz! Wer im Auto schlafen will öffnet einfach alle Fenster, im Zweifelsfall sogar den Kofferraum, hängt das Netz übers Auto und steckt es mit ein paar Heringen fest – und schon steht einer erholsamen Nacht nichts im Wege!
  • Ganz wichtig – nicht vergessen auf dem Rückweg Knäckebrot und Lachscreme (meine Empfehlung: Kalles Kaviar original) einzupacken!

Vielen Dank für das Interview, Christoph! Dieser Beitrag entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Christoph Rau und dem Autohaus Hedtke.

4 Kommentare

  1. In Schweden war ich noch gar nicht, aber wenn ich mir euren Artikel durchlesen, bekomme ich wirklich Lust, hinzufahren.

    Jetzt im Winter werde ich wohl darauf verzichten – dafür bin ich zu sehr Sommermensch. Aber im nächsten Frühling könnte eine Reise nach Schweden durchaus in Frage kommen.

    Natürlich im Volvo dann…

    • Oh ja, jetzt im Winter wäre ich auch raus – allein, weil ich mit der vielen Dunkelheit nicht klarkäme!

  2. Also, ich kann mir wirlich nicht verkneifen zu fragen, was in dem Interview des Autohauses Hedtke das Foto eines Mercedes-Benz älteren Datums mit dem Moskitonetz zu suchen hat…. ,-) . Es sei denn, ein Wechsel zu dieser Marke ist geplant und Teil der vorbereitenden Marketingstrategie des Händlers.

    Dennoch, ein recht gelungenes Interview.
    Frank

  3. Hallo Herr Salomon, also Roadtrips kann man ja mit allen Autos machen 😉 Und vor zwanzig Jahren waren wir eben mit diesem Benz unterwegs. Aber die Dinge ändern sich und diesmal musste es eben ein Volvo sein. Wir wollten den Benz in dieser Geschichte nicht unter den Tisch kehren, haben ihn aber ein bischen zugehängt und Lisa Mattis hat ihn dann auch ganz ans Ende ihres Beitrages gestellt. Und ja, wirklich ein gelungenes Interview. Schönen Gruß, Christoph Rau

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