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Cabin Fever: 48 Stunden auf einer Alpenhütte im Gauertal

Es gibt viele, so viele Dinge, die ich schon immer mal machen wollte. Einen Segeltörn mit meiner Mutter. Einen Segelflug mit jemandem, der das kann. Einen Roadtrip in einem VW-Bus, am liebsten in Kalifornien. Einen Urlaub in einer verschneiten Berghütte mit Freunden. Manche davon hebt man sich auf für Zeiten, in denen mehr Geld da ist oder mehr Zeit – so ist das mit dem Segeltörn und dem Roadtrip. Manche hebt man sich auf weil man weiß, irgendwann wird sich das anbieten – so ist das mit dem Segelfliegen. Manche davon wären aber so einfach zu realisieren – nur passt es irgendwie nie. Oder seien wir ehrlich: Hat man nie die Muse, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, zu recherchieren, die richtige Gruppe an Menschen zu finden die sich festlegen wollen, in sieben, acht, neun Monaten genau das zu machen, was man ihnen jetzt vorschlägt. So ist das mit der Alpenhütte.

Und dann kam mein Freund Tim, machte eben jenen Vorschlag und alles fügte sich. Wenige Wochen später saßen Tom, Niclas und ich im Auto nach Konstanz, sammelten dort Tim ein und fuhren in die Alpen. Nicht ohne wiederholte Diskussionen über Lawinengefahr und sonstige Risiken, denn in der Runde war ich die einzige mit ausgeprägter Bergerfahrung – Zeit, das zu ändern!

Dream come true: 48 Stunden auf einer Alpenhütte

Wir hatten es uns ein bisschen wie im Videoclip zu Last Christmas vorgestellt, wie wir in Skijacken und Moonboots durch hüfthohen Schnee vergnügt und voller Energie zu einer malerischen Hütte irgendwo im Nirgendwo tollen würden, inklusiver roter Wangen und Luftsprünge. Die Realität sah ein wenig anders aus: Obwohl wir nur zwei Nächte auf der Hütte im Gauertal verbringen wollten, machten unsere Rucksäcke dank Verpflegung für vier Leute, Wein und Pfeffi eher den Eindruck, als seien wir auf dem Weg zu einer vierwöchigen Expedition im Eis. Der Weg vom kleinen Örtchen Latschau bis zum Schurahüsli geht 45 Minuten stetig bergauf, und auch wenn ich im Nachhinein verklärt sagen möchte War gar nicht so schlimm – ich habe meine Entscheidung, für den Fall, dass mich die Schreibmuse packen würde, den Laptop mit auf den Berg zu nehmen, spätestens nach 300 Metern bereut!

Als wir wenig (ich sag ja: in der Retrospektive verklärt!) später unser Zuhause für die nächsten beiden Nächte erblickten waren aber wirklich alle Anstrengungen vergessen. Noch einmal die letzten steilen Meter vom geräumten Winterwanderweg durch den Tiefschnee zur Hütte hinauf – und der lang gehegte Traum ging in Erfüllung.

Kartenspiele, Schnaps und Winterwanderungen

Sehr viel mehr gibt es über die folgenden 48 Stunden nicht zu sagen. Waren die das Tal umgebenden Berge bei unserem Aufstieg schon völlig wolkenverhangen, fing es pünktlich zu unserer Ankunft auf der Hütte erst verhalten, dann immer stärker an zu schneien – und hörte bis zum nächsten Morgen nicht mehr auf. Nachdem wir für eine gute halbe Stunde in hoher Frequenz und noch höheren Tönen Worte wie unglaublich, so schön und herrlich von uns gegeben hatten muckelten wir uns ein, packten Weinflaschen und Kartenspiele aus und versackten, so wie es sich für einen ordentlichen Hüttenabend gehört.

Knarzende Holzdielen, Kerzenschein und gut einen sitzen. Vor dem Fenster dichter Schneefall. Nach einigen Stunden des tiefsten und erholsamsten Schlafes, wie es ihn nur in den Bergen gibt, hatte der Himmel nur wenig aufgeklart – und gut 20 Zentimeter Neuschnee lagen vor der Tür. Wer kommt mir raus, spielen?

Vom Schurahüsli zur Lindauer Hütte – vom Nebel in die Sonne

Das Schurahüsli ist ein originales Montafoner Holzhaus und steht im unteren Drittel des Gauertals, am Nordhang des Rätikons. Rechts vom Tal ragt das Golmer Joch mit seinen Skiliften und dem überschaubaren Pistennetz empor, links die Mittagsspitze mit Rodelroute und Wanderwegen. Aber wir wollten tief ins Tal hinein – oder sollte ich eher sagen hoch hinaus? Die Lindauer Hütte auf 1.744 Metern war das Ziel der kleinen Wanderung, zu der wir gegen Mittag aufbrachen – durch den Porzalengawald ging es zwei Stunden lang konstant den Berg hinauf, durch Nebelwände und ewiges Weiß stapften wir unermüdlich vorwärts.

Bis es nach einer guten Stunde und einigen Höhenmetern endlich aufriss. Tom hatte es prognostiziert, doch niemand von uns wollte es so recht glauben – nach der hundertsten Kurve des sich bergauf windenden Winterwanderwegs sahen wir auf einmal blaue Fetzen am Himmel, nach der zweihundertsten konnten wir zwischen den Bäumen die Sulzfluh erkennen. Und dann machten die Berge das, wofür ich sie so liebe, und zeigten sich von ihrer schönsten Seite.

Auf der Lindauer Hütte angekommen wurden meine kühnsten Träume war (oder hatte ich die Stoßgebete zwischen all meinen erschöpfungsbedingten Flüchen doch laut ausgesprochen und der Koch Erbarmen gezeigt?!): Spinatknödel als Tagesgericht! Besser geht es kaum.

Der Abstieg war anschließend die helle Freude. Nach und nach waren auch die Drei Türme und die Drusenfluh aus den Wolken aufgetaucht und brachten uns dazu, uns immer wieder umzudrehen und zu staunen. Alle paar Meter ein Schluck Pfeffi aus dem Flachmann zu Verdauungszwecken und der allgemeinen Erheiterung, dazwischen in ähnlich hoher Frequenz wie nach der Ankunft auf der Hütte Begeisterungsausrufe über die Schönheit von allem. Und zurück an der Hütte war dann da noch der schönste Sonnenuntergang, den auch Instagram, VSCO und Lightroom zusammen nicht schöner hätten zaubern können.

Zum Abschluss: Der perfekte Vormittag auf der Alpe Latschätz

Dass der Vortag noch zu toppen gewesen wäre, hätte ich nicht gedacht. Und eigentlich hatten wir nur noch ein bisschen spazieren gehen wollen, bevor wir noch die Reste der Kässpätzle vom Vorabend erwärmen und dann die Hütte räumen würden. Doch eine halbe Stunde später fanden wir uns an der Alpe Latschätz wieder – und keiner wollte mehr gehen.

Es mag das Kaiserwetter gewesen sein oder der gute Schlaf, ein bisschen vielleicht auch das Abräumen beim Ligretto-Gelage am Abend davor und mit Sicherheit war es die gemeinsame Zeit mit einigen meiner allerliebsten Menschen – aber in diesem Moment war ich einfach nur selig. Tränen in den Augen und ein breites Grinsen im Gesicht, spätestens, als aus Toms Handylautsprechern das Auenlandlied ertönte. Dann: besinnliches Schweigen. Mit diesem Ausblick.

Das Schurahüsli wurde die letzten Jahre von der Uni Konstanz gepachtet und war für Studierende sehr kostengünstig zu mieten – da der Pachtvertrag ausläuft kann ich euch leider keinen Kontakt vermitteln. Was ich kann ist euch ans Herz zu legen, nach einer für euch passenden Hütte zu recherchieren und euch diesen Traum zu erfüllen, wenn ihr ihn auch hegt. Es lohnt sich!

Die Lindauer Hütte ist eine Schutzhütte am Fuß der Drei Türme – und auch hier kann man übernachten, wenn man keine Lust auf den Aufwand einer Selbstversorgerhütte hat! Ich war auf den ersten Blick vom Interior überzeugt, bin es nach kurzer Onlinerecherche auch von den Preisen und davon, dass ein paar Nächte mit guten Freunden im Matratzenlager ein großes Fest wären.

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